Nach der bislang letzten österreichweiten Repräsentativerhebung (Kalke/Wurst, 2015) zeigten 1,1 % der Bevölkerung zwischen 14 und 65 Jahren ein problematisches oder pathologisches Spielverhalten, umgerechnet rund 64.000 Personen. Eine im Auftrag des Bundesministeriums für Finanzen erstellte Studie aus 2018 kam mit ebenfalls rund 1,1 % zu einem vergleichbaren Ergebnis. Diese Spielsucht-Statistik für Österreich beruht damit bis heute im Kern auf genau zwei Erhebungen, eine neuere bundesweite Zahl gibt es nicht, auch wenn manche Quellen im Internet das Gegenteil suggerieren. Der folgende Text ordnet beide Studien ein und erklärt, warum sie mit einer ganz anderen Kennzahl, den 36.314 Personen im Sperrsystem der Anbieter, nicht verwechselt werden dürfen.

Was die Spielsucht-Statistik von 2015 über Österreich zeigt

Die Repräsentativerhebung von Kalke und Wurst aus dem Jahr 2015 ist bis heute die einzige österreichweite Bevölkerungsbefragung zu problematischem und pathologischem Spielverhalten. Im Auftrag der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) befragte das Institut für interdisziplinäre Sucht- und Drogenforschung (ISD) Hamburg 10.000 Personen zwischen 14 und 65 Jahren telefonisch (CATI) zu ihrem Spielverhalten. Das Ergebnis: „Insgesamt liegt bei 1,1 % aller Österreicher/innen (14 bis 65 Jahre) ein problematisches oder pathologisches Spielerverhalten (nach DSM-IV) vor“, was die Studie mit „etwa 64.000 Personen“ beziffert.

Die Erhebung fragte nicht nur nach dem problematischen Verhalten selbst, sondern auch danach, wie verbreitet Glücksspiel um Geld in Österreich überhaupt ist. 41 % der Bevölkerung zwischen 14 und 65 Jahren hatten demnach in den zwölf Monaten vor der Befragung mindestens einmal um Geld gespielt. Diese Teilnahmequote betrifft die gesamte Bandbreite an Glücksspielformen, von Lotterien über Automaten bis zu Sportwetten, und ist deutlich höher als der Anteil mit einem problematischen Verhalten. Das ist ein wichtiger Unterschied: Mitspielen und ein problematisches Spielverhalten sind zwei verschiedene Dinge, und die Studie hält beide Werte getrennt fest, statt sie zu vermischen.

Für die Einordnung der 1,1 % ist die Methode entscheidend. Eine telefonische Befragung mit 10.000 Teilnehmenden, die zufällig aus der Wohnbevölkerung ausgewählt wurden, liefert einen soliden, aber auf einen Zeitpunkt begrenzten Schätzwert. Sie beruht auf Selbstauskünften der Befragten zu einem standardisierten Kriterienkatalog, nicht auf einer Nachprüfung im Einzelfall, und sie ersetzt keine fortlaufende Beobachtung. Genau darauf kommt der Abschnitt zur Datenlücke seit 2018 weiter unten zurück.

Bestätigt die Studie von 2018 das Ergebnis von 2015?

Drei Jahre nach der Repräsentativerhebung legten Puhm, Busch und Uhl im Auftrag des Bundesministeriums für Finanzen (BMF) eine weitere Studie zur Gesundheit Österreich GmbH vor. Ihr zentrales Ergebnis lautet: „Ca. 1,1 Prozent der österreichischen Bevölkerung weisen problematisches oder pathologisches Spielverhalten auf.“ Damit bestätigt eine methodisch eigenständige Untersuchung den Wert von 2015, ohne ihn schlicht zu wiederholen. Beide Teams arbeiteten unabhängig voneinander, mit eigener Stichprobe und eigenem Erhebungsdesign.

Die Studie von 2018 liefert außerdem differenziertere Teilnahmezahlen. Rund 27 % der Bevölkerung spielten demnach monatlich um Geld, weitere 41 % zumindest einmal im vergangenen Jahr, Werte, die sich mit der 41-Prozent-Zahl aus 2015 sinnvoll vergleichen lassen. Bei Sportwetten allein lag die 30-Tage-Prävalenz bei rund 36 %, die 12-Monats-Prävalenz bei rund 56 %. Diese hohe Beteiligung an Sportwetten sagt für sich genommen nichts über ein problematisches Verhalten aus, zeigt aber, wie verbreitet gerade diese eine Glücksspielform im Vergleich zu anderen Formen ist.

Zwei unterschiedliche Forschungsteams kommen mit unterschiedlichem methodischem Zugang zu einem fast identischen Wert. Das spricht für die Plausibilität der 1,1 %, sagt aber für sich genommen nichts über eine Entwicklung zwischen 2015 und 2018 aus. Dazu mehr im Abschnitt zur Einordnung weiter unten.

Was die 1,1 Prozent tatsächlich messen, und was nicht

Beide Zahlen stammen aus Bevölkerungsbefragungen mit standardisierten Screening-Kriterien, in diesem Fall nach DSM-IV, nicht aus ärztlichen Diagnosen und nicht aus einer behördlichen Meldestatistik. Wer an der Befragung teilnahm, beantwortete einen strukturierten Fragebogen, der ein problematisches oder pathologisches Spielverhalten anhand festgelegter Kriterien einstuft. Eine solche Einstufung ist etwas anderes als eine klinische Diagnose durch eine Ärztin, einen Arzt oder eine Therapeutin, und sie ist auch etwas anderes als eine Meldung an eine Behörde.

Der praktische Unterschied: Die 1,1 % sind eine hochgerechnete Schätzung aus einer Stichprobe der Gesamtbevölkerung, keine Zählung real erfasster Fälle. Es gibt in Österreich keine zentrale Stelle, die alle Betroffenen registriert und daraus laufend eine aktualisierte Zahl errechnet. Das erklärt zugleich, warum die 1,1 % seit 2018 nicht einfach fortgeschrieben werden können, ohne eine neue Erhebung mit eigener Stichprobe durchzuführen. Wer die Zahl als tagesaktuellen Zählerstand liest, überschätzt, was eine Bevölkerungsbefragung leisten kann.

Hilfe bei einem Glücksspielproblem

Wer sich selbst betroffen sieht oder sich um eine nahestehende Person sorgt, erreicht die Glücksspielsucht-Hotline unter 0800/20 5242 (laut BMF), kostenfrei und ohne dass dafür Öffnungszeiten angegeben sind. Über die Übersicht zum Spielerschutz in Österreich lassen sich weitere Hilfsangebote in den Bundesländern finden. Dieser Text ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung.

Warum liegt keine neuere bundesweite Zahl vor?

Zwischen der Studie von 2018 und heute wurde keine weitere österreichweite Repräsentativerhebung zu problematischem Spielverhalten veröffentlicht. Das Bundesministerium für Finanzen führt zwar eine Seite zum „Aufbau eines epidemiologischen Monitorings zu Glücksspiel“, veröffentlicht dort aber bislang nur eine Studie über die Möglichkeiten und Grenzen einer solchen Datenerhebung, keine neue Prävalenzzahl. In Bewilligungsverfahren zeigt sich immer wieder, dass eine belastbare bundesweite Erhebung einen erheblichen methodischen und finanziellen Aufwand bedeutet, weshalb zwischen zwei Erhebungswellen mehrere Jahre liegen können, ohne dass daraus schon ein Desinteresse der Behörde folgt.

Für die Praxis bedeutet das eine feste Regel: Die 1,1 % dürfen nur mit Jahresangabe genannt werden, „nach der Repräsentativerhebung 2015“ oder „laut einer im Auftrag des BMF erstellten Studie 2018“, niemals als „aktuell sind 1,1 %“. Wer die offizielle Quelle selbst prüfen möchte, findet beide Studien auf der BMF-Seite zum Spielerschutz. Bis eine neue Erhebung veröffentlicht wird, bleibt die Studie von 2018 der letzte belastbare Stand, und daran ändert auch eine noch so oft wiederholte, undatierte Zahl in anderen Ratgebern nichts.

Was die Verwaltungszahlen 2019 zusätzlich zeigen

Neben den beiden Prävalenzstudien veröffentlicht das BMF im Glücksspielbericht 2017–2019 (erschienen im Juni 2020) eine ganz andere Art von Zahl: die Verwaltungsstatistik der Spielerschutzmaßnahmen bei den Konzessionen und Lizenzen im Überblick genannten Anbietern. In den Spielbanken von Casinos Austria fanden demnach 1.925 Informationsgespräche, 515 Beratungen und 2.106 Besuchsbeschränkungen statt, dazu kamen 2.542 Selbstsperren im Berichtsjahr. Bei den VLT-Outlets waren es 1.482 Informationsgespräche, 889 Beratungen, 1.124 Besuchsbeschränkungen und 1.857 Selbstsperren, jeweils niedrigere absolute Zahlen bei einem anderen Anbietertyp.

Kennzahl (Berichtsjahr 2019)SpielbankenVLT-Outlets
Informationsgespräche1.9251.482
Beratungen515889
Besuchsbeschränkungen2.1061.124
Selbstsperren2.5421.857

Insgesamt waren zum Berichtszeitpunkt 36.314 Personen im System der Zugangsbeschränkungen der Anbieter erfasst. Diese Zahl zählt Menschen, die sich selbst gesperrt haben oder denen der Zugang aufgrund einer Beobachtung durch das Personal beschränkt wurde; wie das Sperrsystem der Anbieter heute funktioniert, ist an anderer Stelle ausführlich beschrieben. Es handelt sich um eine Verwaltungsstatistik der Anbieter zu einem festen Stichtag, nicht um eine Prävalenzmessung der Bevölkerung, und beide Zahlen dürfen deshalb nicht addiert oder gleichgesetzt werden.

Wie sich die beiden Zahlenquellen richtig einordnen lassen

Die 1,1 % und die 36.314 Personen beantworten zwei unterschiedliche Fragen und dürfen nicht nebeneinander als ein und dieselbe Größe gelesen werden. Die 1,1 % schätzen, wie verbreitet ein problematisches oder pathologisches Spielverhalten in der Gesamtbevölkerung zwischen 14 und 65 Jahren ist, unabhängig davon, ob die betroffene Person selbst je einen Antrag gestellt hat. Die 36.314 Personen zählen dagegen jene, die tatsächlich im Sperrsystem der Konzessionäre registriert sind, weil sie sich selbst gesperrt haben oder gesperrt wurden. Eine Bevölkerungsschätzung und eine Verwaltungszahl, das sind zwei völlig verschiedene Kategorien von Daten.

Aus zwei ähnlichen Werten aus 2015 und 2018 lässt sich zudem keine Entwicklung ablesen. Beide Studien wurden mit unterschiedlicher Methodik durchgeführt und liegen nur drei Jahre auseinander. Das reicht aus, um die Größenordnung der 1,1 % als plausibel zu bestätigen, nicht aber, um von einem steigenden oder sinkenden Trend zu sprechen. Wer eine solche Aussage trifft, geht über das hinaus, was die beiden Studien tatsächlich hergeben, und genau diese Zurückhaltung unterscheidet eine seriöse Spielsucht-Statistik für Österreich von einer bloßen Schlagzeile.

Häufige Fragen

Was zeigt die Spielsucht Statistik Österreich für 2015 und 2018?

Nach der Repräsentativerhebung 2015 zeigten 1,1 % der Bevölkerung zwischen 14 und 65 Jahren ein problematisches oder pathologisches Spielverhalten, umgerechnet rund 64.000 Personen. Eine im Auftrag des BMF erstellte Studie aus 2018 bestätigte diesen Wert unabhängig. Eine neuere bundesweite Zahl liegt bis heute nicht vor.

Woher stammt die Zahl von 1,1 Prozent?

Sie stammt aus der Repräsentativerhebung von Kalke und Wurst (2015), einer telefonischen Befragung von 10.000 Personen im Auftrag der Gesundheit Österreich GmbH. Eine zweite Studie von Puhm, Busch und Uhl im Auftrag des BMF kam 2018 mit anderer Methode zu einem fast identischen Ergebnis.

Ist die Spielsucht Statistik Österreich seit 2018 aktualisiert worden?

Nein. Das BMF unterhält eine Seite zum Aufbau eines epidemiologischen Monitorings, veröffentlichte dort bisher aber nur eine Studie über die Möglichkeiten einer solchen Erhebung, keine neue Prävalenzzahl. Die Studie von 2018 bleibt damit der letzte veröffentlichte bundesweite Wert.

Was bedeuten die 36.314 Personen im Sperrsystem der Anbieter?

Diese Zahl aus dem BMF-Bericht 2017–2019 zählt Menschen, die bei den Konzessionären Casinos Austria oder in VLT-Outlets selbst gesperrt wurden oder sich selbst sperren ließen. Sie misst keine Verbreitung in der Bevölkerung, sondern eine Verwaltungsstatistik der Anbieter, und darf nicht mit den 1,1 % gleichgesetzt werden.

Wo bekommt man in Österreich Hilfe bei einem Glücksspielproblem?

Die Glücksspielsucht-Hotline ist unter 0800/20 5242 kostenfrei erreichbar, laut Angaben des Bundesministeriums für Finanzen. Weitere Hilfsangebote in den einzelnen Bundesländern listet das BMF auf; Öffnungszeiten sind dabei nicht angegeben.

Quellenverzeichnis